Die ersten Wochen mit einem Baby fühlen sich oft an wie ein Dauerlauf aus Stillen oder Fläschchen, Windeln und dem Rätselraten, was welches Weinen bedeutet. Kaum hat sich ein bisschen Routine eingestellt, taucht das Thema erste Impfungen für Babys auf – und mit ihm viele neue Fragen.
Wenn Sie sich fragen, welche Impfungen ein Neugeborenes bekommt, warum manche so früh gegeben werden und was danach normal ist, sind Sie damit nicht allein. Schauen wir uns das in Ruhe Schritt für Schritt an.
Dieser Beitrag orientiert sich am deutschsprachigen Raum (vor allem Deutschland, mit Hinweisen, die auch für Österreich und die Schweiz meist ähnlich gelten) und konzentriert sich auf Impfungen, die häufig direkt nach der Geburt oder in den ersten Lebenstagen eine Rolle spielen: die Hepatitis B Impfung (oft als Teil einer Serie) und die BCG Impfung gegen Tuberkulose, die nur ausgewählte Babys bekommen. Außerdem ordnen wir ein, wie diese Impfungen in den weiteren Impfplan fürs Baby im ersten Lebensjahr passen.
Ihr Baby kommt nicht völlig schutzlos auf die Welt. In den letzten Wochen der Schwangerschaft werden mütterliche Antikörper über die Plazenta übertragen, Stillen füllt diesen „Vorrat“ weiter auf. Das hilft, aber dieser Schutz ist:
Einige Infektionen sind gerade in den ersten Lebensmonaten besonders gefährlich. Das Immunsystem ist noch unreif, Babys werden sehr schnell sehr krank und können sich noch nicht „herauskämpfen“ wie ältere Kinder.
Impfungen geben dem Immunsystem so etwas wie einen Spickzettel. Statt einen gefährlichen Erreger zum ersten Mal bei einer echten Infektion zu treffen, lernt der Körper Ihres Kindes an einer harmlosen Variante oder an Bruchstücken davon, wie er reagieren muss. Trifft der echte Erreger später auf Ihr Kind, ist das Abwehrsystem vorbereitet.
Weltweit gehören Impfungen zu den wirksamsten Maßnahmen, um Babys vor schweren Erkrankungen, Folgeschäden und frühem Tod zu schützen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass jedes Jahr Millionen Todesfälle durch Impfungen verhindert werden. Hinter diesen Zahlen stecken reale Kinder – wie Ihres.
Im deutschsprachigen Raum ist die Neugeborenenimpfung etwas anders organisiert als etwa in den USA oder in vielen asiatischen Ländern. Die Impfungen im ersten Monat hängen unter anderem davon ab, ob bestimmte Risiken vorliegen und in welchem Land Sie leben.
Typischerweise kommen in den ersten Lebenswochen unter anderem in Frage:
Hepatitis B Impfung beim Neugeborenen
BCG Impfung Neugeborenes (Tuberkulose)
Viele Eltern sind überrascht, dass Impfungen zum Teil so früh Thema sind. Es wirkt plötzlich und manchmal verunsichernd. Darum schauen wir uns beide Impfungen genauer an: Warum der Zeitpunkt wichtig ist, für wen sie relevant sind und was zu erwarten ist.
Hepatitis B ist eine Virusinfektion der Leber. Erwachsene können einen akuten Verlauf mit Gelbsucht, Müdigkeit und Übelkeit entwickeln. Bei Babys ist vor allem die Gefahr einer chronischen Infektion das große Thema.
Wenn sich ein Baby bei oder kurz nach der Geburt infiziert, entwickeln bis zu 90 % eine dauerhafte (chronische) Hepatitis B. Diese kann die Leber über Jahre unbemerkt schädigen und das Risiko erhöhen für:
Man sieht den meisten Menschen mit Hepatitis B nicht an, dass sie infiziert sind. Viele fühlen sich völlig gesund und wissen gar nichts von der Infektion.
In der Fachsprache taucht oft der Begriff „vertikale Transmission“ auf. Gemeint ist damit die Übertragung von der Mutter auf das Kind während der Schwangerschaft oder vor allem unter der Geburt.
Ist die Mutter HBsAg-positiv (trägt also Hepatitis B in sich), ist das Risiko ohne Schutzmaßnahmen hoch, dass sich das Kind bei der Geburt ansteckt. Studien und Empfehlungen z. B. des Robert Koch-Instituts (RKI) und der Ständigen Impfkommission (STIKO) zeigen klar, dass ohne frühzeitige Impfung ein großer Teil dieser Kinder eine chronische Hepatitis B entwickeln würde.
Deshalb ist die Hepatitis B Impfung beim Neugeborenen innerhalb von 24 Stunden in dieser Situation so wichtig:
Wenn bei Ihnen in der Schwangerschaft Hepatitis B festgestellt wurde, wird das Geburtsteam in der Regel:
Auch wenn Sie selbst kein Hepatitis B haben, empfehlen viele Länder weltweit eine generelle Hepatitis B Impfung ab Geburt. In Deutschland ist Hepatitis B Teil der regulären Impfungen fürs Baby ab dem 2. Lebensmonat (6-fach-Impfung). Die sehr frühe Impfung direkt nach der Geburt bleibt in der Regel besonderen Risikosituationen vorbehalten.
Die Hepatitis B Impfung ist keine einmalige Angelegenheit. Für einen dauerhaften Schutz braucht es mehrere Dosen.
Typischer Ablauf in Deutschland (orientiert an STIKO-Empfehlungen):
Bei nachgewiesener Hepatitis-B-Infektion der Mutter:
Bei allen anderen Kindern:
Versäumte oder deutlich verspätete Dosen können den Schutz verzögern oder Lücken lassen, insbesondere bei Kindern mit bekanntem Risiko schon ab Geburt.
Die meisten Babys vertragen die Hepatitis B Impfung sehr gut. Mögliche, meist harmlose und kurzzeitige Reaktionen sind:
Das sind Zeichen, dass das Immunsystem arbeitet.
Wichtig: Durch den Impfstoff entsteht keine Hepatitis B Erkrankung. Der Impfstoff enthält keine vermehrungsfähigen Viren und kann die Infektion nicht auslösen.
Tuberkulose (TB) ist eine bakterielle Infektion, meist durch Mycobacterium tuberculosis. Für viele klingt TB nach einem Problem aus vergangener Zeit, doch weltweit ist sie noch immer verbreitet. Auch in Europa gibt es Fälle, wenn auch deutlich weniger als in Ländern mit hoher Belastung.
Oft befällt TB die Lunge und kann dort verursachen:
Bei Babys und kleinen Kindern ist TB besonders gefährlich, weil sich die Erreger leichter im ganzen Körper ausbreiten können. Gefürchtete Verläufe sind etwa:
Diese schweren Formen können zu bleibenden Schäden oder zum Tod führen. Deshalb zielt die BCG Impfung vor allem darauf, schwere TB-Verläufe im frühen Kindesalter zu verhindern, nicht in erster Linie die typische Lungentuberkulose bei Erwachsenen.
In Deutschland, Österreich und der Schweiz gehört die BCG Impfung seit vielen Jahren nicht mehr zur Standard-Impfungen Baby. Die STIKO in Deutschland empfiehlt sie aktuell nicht routinemäßig, weil:
Trotzdem spielt die BCG Impfung Neugeborenes noch eine Rolle, wenn:
In vielen Ländern mit hoher TB-Rate ist die Situation anders: Dort erhalten Babys mit erhöhtem Risiko die BCG Impfung oft in den ersten Lebenstagen, meist noch in der Geburtsklinik.
Sprechen Sie Ihre Kinderärztin, Ihren Kinderarzt oder das Tropeninstitut an, wenn für Ihr Kind ein Aufenthalt in einem Hochrisikogebiet geplant ist. Dort wird individuell entschieden, ob eine BCG Impfung sinnvoll ist.
Das Risiko für schwere TB-Verläufe ist besonders in den ersten Lebensjahren, vor allem vor dem 2. Geburtstag, erhöht. Wenn ein Kind früh mit TB in Kontakt kommt, wäre ein Schutz ab Geburt ideal.
In Ländern, in denen die BCG Impfung beim Neugeborenen Routine ist, gilt:
Im Unterschied zu vielen anderen Impfstoffen ist die BCG meist eine Einmalimpfung. Auffrischungen sind dann in der Regel nicht notwendig.
Sehr viele Erwachsene im deutschsprachigen Raum haben sie noch: die kleine BCG Narbe am Oberarm aus ihrer Kindheit.
Die BCG Impfung wird in die obere Hautschicht gespritzt, üblicherweise in den linken Oberarm. Die Reaktion verläuft typischerweise in mehreren Phasen:
In den ersten Tagen
In den nächsten Wochen
Nach einigen Wochen bis Monaten
Das gilt in der Regel als normale Reaktion. Die BCG Narbe beim Baby ist kein Grund zur Sorge, sondern eher ein Zeichen, dass der Impfstoff gewirkt hat.
Bitte vermeiden:
Wenn die Umgebung stark gerötet, sehr heiß oder schmerzhaft wird oder viel Eiter austritt, sollten Sie das beim Kinderarzt zeigen, um eine zusätzliche Infektion auszuschließen. Meist heilt die Impfstelle aber problemlos von selbst ab.
Ob Impfungen direkt nach der Geburt oder die späteren Termine im Impfplan fürs Baby - die kurzfristigen Impfreaktionen ähneln sich oft.
Typische, erwartbare Reaktionen sind zum Beispiel:
In der Regel klingen diese Beschwerden innerhalb von 1 bis 2 Tagen wieder ab.
Sie kennen Ihr Kind am besten. Wenn Ihnen etwas „nicht geheuer“ vorkommt, ist es völlig in Ordnung, beim Kinderarzt oder dem ärztlichen Bereitschaftsdienst nachzufragen. In Deutschland erreichen Sie den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117, in lebensbedrohlichen Notfällen wählen Sie 112.
Als Richtlinie gilt, ärztlichen Rat einzuholen, wenn:
Schwere allergische Reaktionen auf Impfstoffe sind extrem selten. Ärztliches Personal ist für diesen Fall geschult und ausgestattet.
Niemand schaut gern dabei zu, wie das eigene Kind weint, auch nicht für ein paar Sekunden bei einer Spritze. Einige einfache Maßnahmen können die Situation für Sie und Ihr Baby deutlich entspannen.
Hilfreiche Strategien:
Körperkontakt Haut an Haut
Stillen oder Fläschchen geben
Sanftes Wiegen oder Tragen
Leise sprechen oder singen
Bei leichtem Fieber oder Unwohlsein kann der Kinderarzt Paracetamol für Säuglinge empfehlen, insbesondere in Kombination mit bestimmten späteren Impfungen (z. B. MenB). Halten Sie sich immer genau an die Dosierungsanleitung und verwenden Sie ausschließlich Präparate, die ausdrücklich für Babys zugelassen sind.
Diese Sorge ist sehr verbreitet. Sie klingt auf den ersten Blick logisch, passt aber nicht zu dem, was wir über das Immunsystem wissen.
Ihr Baby begegnet jeden Tag tausenden Antigenen. Antigene sind kleine Strukturen von Bakterien, Viren, Pilzen, aber auch von Nahrungsmitteln, Pollen oder Hausstaub. Ab der Geburt ist der Körper Ihres Kindes permanent von Mikroorganismen umgeben – auf der Haut, im Darm, in den Atemwegen.
Im Vergleich dazu ist die Zahl der Antigene in Impfstoffen für Babys sehr gering. Moderne Impfstoffe sind stark „abgespeckt“, das heißt, auch wenn mehr Krankheiten abgedeckt werden als früher, ist die Menge an Antigenen insgesamt sogar deutlich niedriger als vor einigen Jahrzehnten.
Das Immunsystem eines gesunden reif geborenen Babys ist darauf ausgelegt, mit dieser Vielfalt klarzukommen. Die zusätzliche Herausforderung durch Impfungen liegt im natürlichen Belastungsbereich.
Impfstoffe bestehen nicht nur aus dem eigentlichen Antigen. Hinzu kommen zum Beispiel:
All diese Bestandteile sind in sehr geringen Mengen enthalten und werden streng kontrolliert. In Deutschland überwachen unter anderem das Paul-Ehrlich-Institut und das RKI die Sicherheit, die STIKO bewertet Nutzen und Risiken und gibt darauf basierend ihre Empfehlungen heraus.
Viele dieser Stoffe nimmt ein Kind im Laufe seines Lebens in deutlich höheren Mengen über Nahrung, Wasser oder die Umwelt auf, als es sie mit einem Impfstoff erhält.
Bevor ein Impfstoff in den regulären Impfplan fürs Baby aufgenommen wird, wird er in Studien mit tausenden Kindern geprüft und nach der Zulassung kontinuierlich überwacht.
Manche Eltern haben das Gefühl, mit einem „eigenen, langsameren Impfplan“ besonders vorsichtig zu sein. In Wirklichkeit vergrößert sich damit oft nur das Zeitfenster, in dem das Baby keinen Schutz vor Krankheiten hat, die gerade im Säuglingsalter besonders gefährlich sind.
Beispiele:
Ausgedehnte „Alternativpläne“ haben keinen nachgewiesenen Vorteil und werden von anerkannten Fachgesellschaften nicht empfohlen. Sie sorgen lediglich dafür, dass Kinder länger ungeschützt bleiben.
Wenn Sie unsicher oder ängstlich sind, sprechen Sie offen mit Ihrer Kinderärztin, Ihrem Kinderarzt oder der Hebamme, statt Termine einfach zu verschieben. So können Nutzen und mögliche Risiken jeder Impfung in Ruhe anhand der Situation Ihres Kindes erklärt werden.
Die Impfungen im ersten Monat sind nur der Auftakt eines gut strukturierten Impfprogramms.
In Deutschland umfasst der übliche Impfplan fürs Baby im ersten Lebensjahr (STIKO-Empfehlungen, Stand zum Zeitpunkt der Erstellung) typischerweise:
Direkt nach der Geburt (bei Risikokonstellationen)
Ab 2. Lebensmonat
3. Lebensmonat
4. bis 5. Lebensmonat
Ab 11. bis 14. Lebensmonat
Die Hepatitis B Impfung ist also in der 6-fach-Impfung enthalten, sodass eine eventuell gegebene Hepatitis B Geburtsdosis später durch die regulären Impfungen ergänzt wird.
Den individuell gültigen Plan für Ihr Kind finden Sie im Gelben Kinderuntersuchungsheft und in den offiziellen Empfehlungen der STIKO (Deutschland), des Nationalen Impfgremiums (Österreich) oder der EKIF (Schweiz). Viele Kinderärzte legen zusätzlich einen übersichtlichen Impfkalender an.
Entscheidungen zu Impfungen beim Neugeborenen fühlen sich oft schwer an. Sie sollen Ihrem Baby eine unangenehme, aber kurze Situation zumuten, um eine Krankheit zu verhindern, die vielleicht nie auftreten wird.
Genau das ist das Wesen von Vorsorge: Wenn Impfungen wirken, passiert – scheinbar – nichts. Kein Hepatitis B Virus, das still und leise die Leber über Jahre schädigt. Keine TB-Meningitis bei einem Kleinkind, das plötzlich nicht mehr laufen kann. Kein hektischer Notfall, der durch eine Impfung vermeidbar gewesen wäre.
Die Hepatitis B Impfung, eine mögliche BCG Impfung in besonderen Situationen und die weiteren Impfungen fürs Baby im ersten Lebensjahr sind keine bloßen Pflichttermine. Sie erhöhen die Chance, dass Ihr Kind gesund aufwächst und schwere Infektionen nie persönlich kennenlernen muss.
Stellen Sie Fragen. Holen Sie sich Erklärungen, bis Sie sich sicher fühlen. Und wissen Sie: Wenn Sie sich für die empfohlenen Impfungen entscheiden, nutzen Sie eine der bestuntersuchten und wirkungsvollsten Möglichkeiten, Ihr Kind gerade in den ersten, besonders empfindlichen Lebensmonaten zu schützen.