Die ersten Wochen mit einem Neugeborenen sind intensiv. Ihr Baby lernt gerade, außerhalb des Bauches zu leben, Sie lernen alles neu - und das meistens mit sehr wenig Schlaf. Jede Farbe, jedes Geräusch, jeder kleine Fleck kann plötzlich wie ein Alarm wirken.
Ein gewisses Maß an Sorge ist sinnvoll, es schützt Ihr Kind. Dauerpanik dagegen macht nur fertig. Dieser Beitrag soll dazwischen liegen: eine ruhige, übersichtliche Orientierungshilfe für die Frage: „Ist das noch normal?“ und „Wann muss ich mit meinem Baby zum Arzt?“.
Hier geht es vor allem darum, wann Sie mit einem Neugeborenen in den ersten Lebenswochen ärztliche Hilfe holen sollten. Die Hinweise orientieren sich an Empfehlungen, wie sie im deutschsprachigen Raum (Kinderärztinnen, Kinderkliniken, Hebammenverbände) üblich sind.
Grundsatz: Wenn Sie das Gefühl haben, „Mit meinem Baby stimmt etwas nicht“, verlassen Sie sich auf dieses Bauchgefühl. Rufen Sie Ihre Kinderärztin, Ihren Kinderarzt, Ihre Hebamme, den ärztlichen Notdienst (116 117 in Deutschland) oder den Notruf 112 bei akuten Notfällen. Bei einem so kleinen Säugling verschwenden Sie niemals die Zeit von Ärztinnen oder Ärzten.
Die folgenden Anzeichen sind bei einem Neugeborenen kein Fall für „ich warte erst mal ab“. Wenn Sie eines dieser Symptome bemerken, holen Sie umgehend ärztlichen Rat ein. Bei Atemnot, blauen Lippen oder wenn Ihr Baby sehr schwer krank wirkt, sofort den Notruf 112 wählen oder in die Kinderklinik / Notaufnahme fahren.
Neugeborene können ihre Körpertemperatur noch schlecht selbst regulieren. Eine Abweichung von der Norm kann ein frühes Warnsignal für eine Infektion sein.
Holen Sie rasch ärztlichen Rat, wenn Ihr Baby:
Fieber beim Neugeborenen wird immer ernst genommen, da es auf eine schwere Infektion hinweisen kann. So junge Babys müssen häufig in der Kinderklinik untersucht werden. Auch eine zu niedrige Temperatur kann auf eine Infektion oder Probleme mit dem Blutzucker hinweisen.
Ein paar praktische Tipps:
Wenn Sie denken „Mein Baby fühlt sich sehr heiß an“ oder „Mein Baby fühlt sich ungewöhnlich kalt an“, verlassen Sie sich nicht nur auf Ihre Hand. Messen Sie nach. Liegt die Temperatur außerhalb von etwa 36,0–37,5 °C, sprechen Sie mit Kinderarzt, Hebamme oder dem ärztlichen Bereitschaftsdienst (z. B. 116 117 in Deutschland).
Sehr junge Säuglinge trinken normalerweise häufig, grob alle 2–3 Stunden, Tag und Nacht. Ein etwas schläfriger Trinkversuch zwischendurch ist normal. Problematisch wird es, wenn Ihr Baby wiederholt die Nahrung verweigert.
Rufen Sie Kinderärztin, Kinderarzt oder Hebamme an, wenn:
Wenn Eltern berichten „Mein Baby trinkt nicht“ oder „Säugling trinkt nicht 2 Mahlzeiten hintereinander“, denken Ärztinnen und Ärzte an Dehydration, niedrigen Blutzucker oder beginnende Erkrankungen.
Das gilt für Stillen und Flaschennahrung gleichermaßen. Auch wenn Ihr Baby zwar anlegt, aber nur ein paar Mal saugt und dann jedes Mal wieder sofort einschläft, sollten Sie sich Unterstützung holen.
Fast alle Babys spucken. Ein Schluck Milch auf der Schulter, ein kleiner Schwall nach dem Bäuerchen - vollkommen normal und Teil des Alltags.
Sorgen sollten Sie sich, wenn:
Das ist etwas anderes als ein bisschen Milch am Mundwinkel. Anhaltendes Erbrechen beim Baby kann auf eine Infektion, eine Störung im Magen-Darm-Trakt oder eine Unverträglichkeit hinweisen, die abgeklärt werden muss. Wenn Sie unsicher sind, ob es „nur Spucken“ oder wirklich Erbrechen ist, hilft ein kurzes Video, das Sie Ihrer Kinderärztin oder Ihrer Hebamme zeigen können.
Wie viel Urin Ihr Baby ausscheidet, ist ein sehr guter Hinweis darauf, wie es Ihrem Neugeborenen geht.
Als grobe Orientierung:
Bei voll gestillten Babys kann es ein paar Tage dauern, bis die Milchmenge richtig steigt. Spätestens ab Tag 4–5 sollte dieses Muster aber erkennbar sein.
Suchen Sie ärztlichen Rat, wenn:
Viele Eltern googeln „Weniger nasse Windeln Neugeborenes“, wenn sie sich sorgen. Die Sorge ist berechtigt: eine zu geringe Urinmenge kann ein frühes Anzeichen für Dehydration oder Still- bzw. Fütterprobleme sein, für die Sie Unterstützung brauchen.
Blut bei einem Neugeborenen ist immer ein Grund, ärztlichen Rat einzuholen.
Holen Sie rasch Hilfe, wenn Sie bemerken:
Manchmal steckt hinter wenig Blut im Stuhl auch etwas Harmloses, zum Beispiel ein kleiner Riss am After. Darauf sollten Sie sich aber nicht verlassen. Blut im Stuhl beim Baby oder blutiges Erbrechen können Anzeichen für Infektionen, Allergien oder eine Blutung im Magen-Darm-Trakt sein.
Wenn Sie meinen, Blut zu sehen, bewahren Sie die Windel auf und machen Sie, wenn möglich, ein Foto. Das hilft der Kinderärztin oder dem Kinderarzt bei der Einschätzung.
Hier ist die Farbe besonders wichtig.
Beides kann bedeuten, dass Galle aus dem Darm zurück in den Magen läuft. Das kann auf einen Darmverschluss oder eine andere Blockade im Verdauungssystem hinweisen und gilt, bis das Gegenteil bewiesen ist, als Notfall.
Wenn Ihr Baby gelbes oder grünes Erbrechen hat, vor allem wenn es mehrmals auftritt: sofort 112 rufen oder direkt in die Kinderklinik / Notaufnahme fahren. Warten Sie nicht auf einen normalen Kinderarzttermin.
Neugeborene schlafen sehr viel. Bis zu 18–20 Stunden am Tag sind völlig normal. Trotzdem sollten sie regelmäßig zum Trinken aufwachen und auf Sie reagieren.
Besonders aufmerksam werden sollten Sie, wenn Ihr:
Viele Eltern sagen dann „Mein Baby ist schwer zu wecken“ oder „Es ist irgendwie gar nicht richtig da“. Das ist kein Zeichen für einen „besonders guten Schläfer“, sondern kann auf eine Infektion, einen niedrigen Blutzucker oder andere ernsthafte Probleme hinweisen.
Alle Babys schreien. Manche haben unruhige Abende oder die berühmte „Schreistunde“, die zwar anstrengend, aber noch im Rahmen des Normalen ist. Der Unterschied: Ein gesundes Baby lässt sich zumindest zwischendurch beruhigen.
Suchen Sie dringend Hilfe, wenn:
Dauerhaftes Schreien beim Baby, das sich gar nicht beruhigen lässt, kann ein Hinweis auf Schmerzen, Infektionen oder Magen-Darm-Probleme sein, vor allem, wenn das Verhalten anders ist als sonst.
Und noch etwas Wichtiges: Wenn Sie merken, dass Sie selbst kurz vor dem Zusammenbruch stehen, ist es in Ordnung, Ihr Baby kurz sicher ins Bettchen zu legen, den Raum zu verlassen, tief durchzuatmen und dann Hilfe zu holen - Partner, Familie, Freundinnen oder eine Telefonberatung.
Farbveränderungen gehören zu den beunruhigendsten Anzeichen bei Neugeborenen - und das aus gutem Grund.
Rufen Sie den Notruf 112, wenn Sie bemerken:
Das kann auf einen niedrigen Sauerstoffgehalt im Blut oder auf Herz- bzw. Lungenprobleme hinweisen. Hände und Füße können bei Neugeborenen manchmal leicht bläulich oder marmoriert wirken, besonders wenn sie kalt sind. Das kann normal sein. Blaue Lippen oder eine blaue Zunge sind dagegen ein Alarmzeichen und müssen sofort abgeklärt werden.
Atemschwierigkeiten sind bei einem Neugeborenen immer ein Notfall.
Rufen Sie 112 oder fahren Sie direkt in die Kinderklinik / Notaufnahme, wenn Sie sehen:
Viele Eltern berichten „Mein Neugeborenes klingt verschnupft“ oder „Das Baby atmet nachts so laut“. Das kann durchaus normal sein, da Babys noch viel durch die Nase atmen und Schleimgeräusche häufig sind. Wichtig sind die Atemarbeit und der Gesamteindruck: Trinkt Ihr Baby gut, ist es rosig und entspannt? Oder wirkt es angestrengt und krank?
Wenn Sie unsicher sind, können Sie ein kurzes Video von der Atmung aufnehmen und es Ihrem Kinderarzt oder dem ärztlichen Notdienst (116 117 DE) zeigen. Wenn Ihr Bauchgefühl aber sagt „Das ist nicht in Ordnung“, fahren Sie lieber direkt in die Notaufnahme.
Die weiche Stelle oben am Kopf Ihres Babys nennt man Fontanelle. Sie fühlt sich normalerweise weich und leicht nach innen gewölbt an.
Holen Sie am selben Tag ärztlichen Rat, wenn Sie bemerken:
Eine vorgewölbte Fontanelle kann ein Hinweis auf eine Infektion oder erhöhten Druck im Schädel sein. Eine stark eingesunkene Fontanelle spricht eher für eine ausgeprägte Dehydration. Beides sollte zügig untersucht werden.
Der Nabelstumpf sieht in den ersten Tagen oft etwas seltsam aus, bis er eintrocknet und abfällt. Ein bisschen Kruste oder ein schmaler roter Saum direkt am Übergang ist meist unbedenklich.
Suchen Sie schnell ärztliche Hilfe, wenn Sie sehen:
Das kann ein Zeichen für eine Nabelentzündung sein. Neugeborene können solche Infektionen relativ schnell entwickeln. Wird früh behandelt, heilt das in der Regel gut, deshalb nicht „abwarten“, ob es von selbst besser wird.
Nicht jedes ungewöhnliche Geräusch oder jede Merkwürdigkeit beim Neugeborenen bedeutet Krankheit. Viele Dinge sehen dramatischer aus, als sie sind.
Wenn Sie unsicher sind, fragen Sie trotzdem nach. Aber zu den typischen „Alles gut, das ist normal“-Themen von Kinderärztinnen, Kinderärzten und Hebammen zählen unter anderem:
Neugeborene haben oft und viel Schluckauf. Viele Babys hatten schon im Bauch regelmäßig Schluckauf, was manche Eltern als kleine rhythmische „Stupser“ gespürt haben.
Typisch für Neugeborenen-Schluckauf:
Sie müssen Schluckauf nicht behandeln. Sie können das Baby etwas aufrechter halten, kurz stillen bzw. die Flasche anbieten oder einfach ein paar Minuten abwarten. Meist verschwindet er von allein.
Neugeborene niesen sehr viel. Ihre Nasengänge sind winzig klein und reagieren empfindlich.
Häufiges Niesen ohne:
ist in der Regel schlicht ein Reinigungsmechanismus, um Staub, Milchreste oder Schleim aus der Nase zu befördern. In den ersten Wochen ist Niesen kein zuverlässiges Zeichen für eine Erkältung oder Allergie.
Ein zitterndes Kinn beim Weinen oder kurze, feine Zitterbewegungen in Armen und Beinen wirken bedrohlich, sind aber bei vielen Neugeborenen Ausdruck des noch unreifen Nervensystems.
Meist unbedenklich, wenn:
Wenn das Zittern nicht aufhört, obwohl Sie das Körperteil festhalten, wenn es rhythmisch zuckt, der ganze Körper beteiligt ist oder die Augen starr werden bzw. „wegdrehen“, dann holen Sie bitte umgehend ärztliche Hilfe. Das könnte auf einen Krampfanfall hinweisen. Die gelegentliche zitternde Unterlippe oder das bebende Kinn sind dagegen sehr häufig und meist harmlos.
Der Blutkreislauf von Neugeborenen ist noch nicht vollständig ausgereift. Wenn ihnen kalt ist, kann folgendes auftreten:
Wenn Rumpf und Gesicht eine gesunde Farbe haben und die Marmorierung mit einer Decke, einem Body mehr, Kuscheln oder Haut-an-Haut-Kontakt wieder verschwindet, ist das meist normal.
Sorgen sollten Sie sich, wenn:
Dann sollten Sie ärztlichen Rat einholen.
Sie verbringen Tag und Nacht mit Ihrem Baby. Sie hören die kleinsten Grunzlaute um 3 Uhr morgens, sehen die Hautfarbe im Tageslicht und kennen rasch das typische Verhalten Ihres Kindes besser als jede Fachperson in einer kurzen Untersuchung.
Wenn Sie das Gefühl haben: „Irgendwas stimmt nicht, mein Baby wirkt krank“ - und Sie diesen Eindruck nicht loswerden, ist das allein Grund genug, um:
Sie übertreiben nicht, Sie sind einfach Mutter oder Vater eines winzigen Säuglings.
Speichern Sie sich wichtige Telefonnummern und seriöse Infoseiten auf dem Handy. Mit der Zeit werden Sie immer besser einschätzen können, ob Ihr Baby krank ist, ob es sich um harmlose Besonderheiten handelt oder um echte Neugeborenes-Warnsignale. Dieses Vertrauen in die eigene Beobachtung wächst nach und nach.
Bis dahin gilt: Nutzen Sie die Unterstützung durch Hebammen, Kinderärztinnen und Kinderärzte. Genau dafür sind sie da - und bei einem Neugeborenen ist jede Frage erlaubt.